2 . Ein anderer Weg

2005 zog ich nach einer schweren persönlichen Lebenskrise nach Bulgarien.

Eigentlich war mein Plan ziemlich eindeutig:

Ich wollte meine berufliche Laufbahn in der Speditionsbranche fortsetzen.

Doch mein Leben nahm einen völlig anderen Weg.

Eine Begegnung in Varna

In der Fußgängerzone von Varna begegnete ich Jugendlichen, die mich beeindruckten.

Einige von ihnen sprachen mehrere Sprachen, obwohl sie niemals regulär eine Schule besucht hatten. Sie waren intelligent, kreativ, aufmerksam und hatten gelernt, sich unter sehr schwierigen Bedingungen zu behaupten.

Ihren Lebensunterhalt verdienten sie mit allem, was ihnen Möglichkeiten bot. Dazu gehörten teilweise auch illegale Wege.

Ich fragte mich:

Was wäre möglich, wenn diese jungen Menschen ihre Fähigkeiten nicht nur zum Überleben einsetzen müssten, sondern damit eigene Ziele verfolgen könnten?

In unseren Gesprächen erzählten sie mir, dass sie sich in ihren sozialen und familiären Strukturen gefangen fühlten und kaum Möglichkeiten sahen, diese aus eigener Kraft zu verlassen.

Ich machte ihnen deshalb einen Vorschlag:

Wenn ich bereit wäre, zu ihnen ins Ghetto zu kommen und gemeinsam mit ihnen an neuen Möglichkeiten zu arbeiten, dann sollten auch sie bereit sein, über Ziele nachzudenken, legale Wege dorthin zu entwickeln und diese konsequent zu verfolgen.

Sie ließen sich darauf ein.

Und plötzlich hatte auch mein eigenes Leben wieder ein neues Ziel.

Das Sozialprojekt

2006 zog ich in das Ghetto.

Getragen von meinem Vertrauen auf GOTT begann gemeinsam mit den Jugendlichen etwas, das ursprünglich niemand in dieser Größenordnung geplant hatte.

Nach und nach entstanden ein Internat und ein Sozialprojekt.

Aus einigen wenigen Jugendlichen wurden mit der Zeit mehr als 375 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die auf unterschiedliche Weise begleitet und unterstützt wurden.

Natürlich konnte ich das nicht allein leisten.

Ehrenamtliche Helfer kamen hinzu, später feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Sponsoren.

Aus einer Idee wurde eine Gemeinschaft.

Dabei galt von Anfang an ein wichtiger Grundsatz:

Die Menschen sollten nicht dauerhaft von unserer Hilfe abhängig werden.

Wer selbst Unterstützung erhalten hatte, sollte später möglichst in der Lage sein, anderen Menschen zu helfen.

Im besten Fall sollte sich das Sozialwerk irgendwann sogar selbst überflüssig machen, weil die Menschen vor Ort die notwendigen Strukturen selbst tragen konnten.

Deshalb wurden Entscheidungen nicht einfach von oben getroffen. Menschen, die im Sozialwerk lebten, arbeiteten oder Verantwortung trugen, sollten auch Einfluss auf seine Entwicklung haben.

Viele der damaligen Jugendlichen gingen später ihre eigenen Wege. Sie fanden Arbeit, bauten sich eigenständige Leben auf, gründeten teilweise Unternehmen.

Einer der Jugendlichen von damals ist heute Rechtsanwalt.

Aus dieser Zeit ist mir vor allem eine Überzeugung geblieben:

Ein schwieriger Ausgangspunkt entscheidet nicht automatisch über das Ziel. Menschen können neue Wege finden, wenn sie Möglichkeiten erkennen, Unterstützung erhalten und bereit sind, Verantwortung für ihren eigenen Weg zu übernehmen.

2015 war für mich schließlich der Zeitpunkt gekommen, zu gehen.

Zurück in Deutschland

Die Jahre im Sozialprojekt hatten Spuren hinterlassen.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland erlitt ich einen Burnout und musste stationär behandelt werden.

Ich musste erneut lernen, meine eigenen Grenzen anzunehmen.

Während des Klinikaufenthalts wurden weitere persönliche Beeinträchtigungen festgestellt, über die ich öffentlich nicht näher sprechen möchte. Für meine Biografie gehören sie dennoch dazu.

Manche Herausforderungen können wir verändern.

Andere bleiben.

Dann besteht die Aufgabe darin, einen Weg zu finden, trotzdem ein gutes und selbstbestimmtes Leben zu führen.

Mein nächstes Ziel war deshalb klar:

Ich wollte zurück ins Erwerbsleben.

Ich zog nach Duisburg und begann als Dozent und Sozialberater zu arbeiten. Rückblickend würde ich meine damalige Tätigkeit am ehesten als die eines Inklusionscoachs beschreiben.

Viele Menschen, mit denen ich arbeitete, waren infolge von Krieg, Flucht und politischen Krisen nach Deutschland gekommen.

Dabei wurde mir schnell klar:

Berufliche Integration bedeutet weit mehr als Sprachunterricht und Bewerbungsberatung.

Menschen bringen ihre eigene Geschichte mit.

Deshalb ging es nicht ausschließlich um die Frage:

„Welche Arbeit kann ich finden?“

Sondern ebenso um:

„Wie möchte ich hier leben? Was ist mein Ziel? Und welcher realistische Weg führt mich dorthin?“

(Bild:
Weg im Hammrich, Weenermoor, Rheiderland, Ostfriesland)

Menschenwürde und Unterschiede

Auch kulturelle Unterschiede führten zu Konflikten.

Ich selbst bin homosexuell. Für manche Menschen aus deutlich konservativeren Gesellschaften war der offene Umgang damit ungewohnt oder schwer akzeptierbar.

Für mich gab es dabei jedoch eine klare Grenze:

Die Würde eines Menschen gilt unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen und persönlicher Lebensweise.

Mit manchen Menschen fand ich in diesen Fragen keine gemeinsame Ebene.

Auch das gehört zur Wahrheit dieser Arbeit.

Vielleicht erinnerte ich mich gerade deshalb häufig daran, wie ich selbst als Kind wegen meines Asthmas ausgegrenzt worden war.

Inklusion bedeutet für mich nicht, dass alle Menschen gleich denken oder gleich leben müssen.

Sie bedeutet, dass unterschiedliche Menschen miteinander leben können, ohne einander die Würde oder das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben abzusprechen.

Diese Haltung gehört heute zur DNA von Bloomoon.

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